Amorelie

Das Kamasutra

Das Kamasutra, im Original Kamasutram bzw. Vātsyāyana Kāmasūtra, ist ein jahrhundertealter indischer Text,  der weitläufig als das Standardwerk der erotischen Liebe sowie des menschlichen Sexualverhaltens innerhalb der Sanskrit-Literatur betrachtet wird. Es gilt zugleich als der älteste und angesehenste Text der sogenannten Kama Shastra-Werke (Kāma Śāstra), welche in der indischen Literatur der traditionellen Arbeit an Kāma, der Liebe, Erotik bzw. dem sinnlichen Vergnügen, zugeschrieben werden. Ähnlich den Arthashastra-Texten, die sich der Politik und der Regierung widmen, besitzen die Werke des Kama Shastra einen anleitenden Charakter, der sich jedoch nicht an Könige und Minister richtet, sondern an den Bürger oder Städter (nāgarika). Dieser soll dadurch erlernen wie er Genuss und Erfüllung erreichen kann.

Ursprung und Autor

Bis heute kann nicht genau zurück datiert werden, wann das Kamasutra tatsächlich verfasst wurde. Bekannt ist lediglich, dass es wahrscheinlich zwischen dem 1. und 6. Jahrhundert nach Christus in Benaras entstanden sein muss. Ein wichtiger Grund für diese nicht eindeutig zu beantwortende Frage ist die zugleich bestehende Unkenntnis über den Autor Vātsyāyana. Die einzigen Informationen, die zu seinem Leben und seinem Werk überliefert sind, belegen, dass er ein Hindu-Philosoph war, von dem angenommen wird er hätte zur Zeit des Königreiches Gupta gelebt (4. Bis 6. Jahrhundert n. Chr.).

Faktisch lässt sich der Zeitraum des Lebens und Wirkens Vātsyāyanas nur anhand von Indizien herleiten. So schrieb er etwa einst als warnendes Beispiel über den König von Kuntal, Satakarni Satavahana, der ca. um 180 nach Christus regiert haben soll und seine Frau im Zuge seiner Leidenschaft mit einem Instrument erschlug. Ein weiterer Anhaltspunkt ist der Autor Varahamihira, der seinerseits ebenfalls über die Wissenschaft der Liebe schrieb und dabei anscheinend stark von den Erkenntnissen Vātsyāyanas schöpfte. Es wird angenommen, dass Varahamihira während des 6. Jahrhunderts nach Christus gelebt hat, wodurch sich die Lebensspanne von Vātsyāyana zumindest grob auf einen Zeitraum zwischen 180 und 600 nach Christus eingrenzen lässt.

Oftmals wird der Name Vātsyāyanas in Verbindung mit dem Namen Mallanaga erwähnt, wobei es sich um den Irrtum handelt, dass beide zusammen den vollständigen Namen des Autors ergeben. Tatsächlich war besagter Mallanaga jedoch ein Prophet der Asura-Gottheiten, dem in der Mythologie der Ursprung erotischer Wissenschaften zugeschrieben wird.

Allgemeine Missverständnisse rund um das Kamasutra

Das Kamasutra ist weit mehr als ein einfaches Lehrbuch für Erotik, denn tatsächlich befasst sich im Originaltext nur einer der sieben Teile des Buches mit den verschiedenen Stellungen der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Allein die Übersetzung des Wortes ‚Kama‘ zeigt, dass es im Grunde genommen um wesentlich mehr geht. Kama in Sanskrit bedeutet ‚Genuss‘ oder ‚Vergnügen‘, doch beinhaltet dieses Wort dabei nicht nur Genuss in Dingen der Liebe und des Sex, sondern ebenso ein Wohlgefallen an allem, das durch Sinne und Emotionen erfasst werden kann. Somit lässt sich das Kamasutra schon eher als ein ‚Aphorismus für Vergnügen‘ betrachten, denn die eigentliche Intention Vātsyāyanas lag darin, die gesamte Beziehung zwischen Mann und Frau zu definieren. Sowohl im alltäglichen Leben, als auch in Kultur, Sitten und Umgang.

Ein weiteres fehlerhaftes Konzept ist die Annahme, dass es sich in Bezug auf die Thematik des Kamasutras um einen historischen Text handele. Bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. verfasste die antike griechische Autorin Philainis aus Samos ein Werk über das Umwerben und das Liebesspiel, welches laut Überlieferung zur damaligen Zeit äußerst populär gewesen sein soll. Auch der römische Dichter Ovid versuchte sich Jahrhunderte vor Vātsyāyana in seinem Lehrgedicht ‚ Ars amatoria‘ oder auch ‚Ars amandi‘ (lateinisch für Liebeskunst) an dieser Thematik. Ihm ging es dabei vor allem um die Fragen wo ein Mann in Rom Frauen kennenlernen kann, wie er ihre Liebe für sich gewinnt und wie er sie behält. Der römische Herrscher Tiberius dagegen trug bei seinem Rückzug auf die Insel Capri unzüchtig illustrierte Manuskripte der Poetin Elephantis mit sich, wodurch sich Vermutungen entwickelten, dass einige Ideen, die sich auch im Kamasutra finden, aus dem Westen nach Indien kamen. Möglicherweise überschnitten sich hier Gedankengut und Traditionen in beiderlei Richtungen.

Dem dritten Missverständnis liegt die Annahme zugrunde, dass das Kamasutra eine heilige oder religiöse Schrift sei. In der Einleitung spricht Vātsyāyana zwar vom Erwerb der drei ‚Güter‘ im Leben - Dharma, dem spirituellen Wohl erlangt durch tugendhaftes Leben, Artha, dem Anhäufen von Reichtum und Wohlstand sowie Kama, dem sinnlichen Genuss - deren Erlangung in genau dieser Hierarchie erfolgen soll. Gleich im Anschluss beginnt er jedoch ein Bild einer so brillanten wie amoralischen Gesellschaft zu zeichnen, in der Religion nur noch eine Nebenrolle zu spielen scheint. Befürwortet wird dabei vor allem opportunistisches und unsoziales Verhalten, aber auch das Verführen von Fremden oder der Ehefrauen von Freunden sowie Vergewaltigung und Versklavung jeder Frau die gefällt - wenn man ein König ist. Ein religiöser oder gar heiliger Charakter des Kamasutras lässt sich damit nicht vereinbaren.

Das gesellschaftliche Leben im Kamasutra

Abgesehen von eher fragwürdigen Praktiken bietet das Kamasutra jedoch auch einen bestechenden Einblick in das prachtvolle gesellschaftliche Leben edler Herrschaften zur Zeit Vātsyāyanas. So beschreibt der Autor beispielsweise den Alltag eines wohlhabenden Mannes, der sich des morgens aus seinem mit frischen Blüten bestreuten Bett erhebt, seinen Körper in Sandelholzdüfte hüllt und sich die Augen mit Collyrium, einer Art Kajal, schmückend umrandet. Er verlebt seinen Tag damit, Papageien die Künste des Sprechens zu lehren, Hahnenkämpfe zu verfolgen und in Tavernen einzukehren, um dort anregenden Gesprächen über Kunst und Poesie beizuwohnen. Am späteren Abend, so heißt es, begrüßt er schließlich seine Liebhaberin in seinem wundervoll geschmückten Hause…und sollte sie zuvor in einen Regenschauer geraten sein, so bietet er ihr an, sie mit einem Handtuch zu trocknen.

Zum Erlangen des weiblichen Dharma kann sich die Ehefrau dagegen den Pflanzen und Kräutern des Gartens widmen, die Küche sowie die Bediensteten beaufsichtigen und Essen und Trinken anfertigen. Das Kamasutra leitet seine männlichen Leser an dieser Stelle an, der Frau alle Freiheiten in ihren Bereichen zu gewähren, da ihr auf diese Weise der ‚Fluch‘ anderer Nebenfrauen erspart bleibt. Frauen, denen ein solches Schicksal auferlegt wurde, gibt Vātsyāyana dagegen Anleitung wie sie für sich Vorteile daraus ziehen können. Dazu zählen unter anderem beinahe kaltblütige Instruktionen zur Manipulation anderer Frauen sowie des gemeinsamen Ehemannes.

64 Künste und Wissenschaften

Geht es andererseits darum, „in“ bzw. modisch zu sein, wird sowohl von Männern, als auch von Frauen erwartet, in den sogenannten 64 Künsten und Wissenschaften bewandert zu sein. Diese beinhalten nicht nur das Spielen von Instrumenten und das Anmischen verschiedener Düfte, sondern ebenso Kenntnisse in Gartenbau und pflanzlicher Heilkunde sowie die Entwicklung einer eigenen Sprache und ein Erlernen von Holzschnitzerei. Anhand dieser Künste und Wissenschaften erlangten indische Kurtisanen der damaligen Zeit, ähnlich ihren griechischen Ebenbildern, eine kultivierte Ausbildung auf hohem, mondänem Niveau. Vātsyāyana verspricht diesen Frauen die Fähigkeit, immer ein Wohlleben führen zu können.

Aufbau und Struktur des Kamasutra

Das ursprüngliche Kamasutra von Vātsyāyana besteht aus 1250 Versen, die in 36 Kapitel unterteilt und gleichzeitig in 7 Teilen organisiert sind. Entsprechend der ersten Übersetzungen durch Sir Richard Francis Burton sowie Wendy Doninger ist der Inhalt folgendermaßen gegliedert:

Teil 1: Allgemeine Bemerkungen

Innerhalb von fünf Kapiteln werden hier zusammenfassend vor allem die Inhalte des Buches, der Erwerb der drei Güter sowie die erwähnten Wissenschaften dargestellt. Im späteren Verlauf des ersten Teiles erläutert Vātsyāyana aber auch das Benehmen eines wohlerzogenen Städters sowie die Rolle der Freundinnen und Liebesbotinnen des Liebhabers.

Teil 2: Erotische Annäherung/ Sexuelle Vereinigung

Dieser Abschnitt ist jener, der das Kamasutra als erotisches Handbuch so bekannt machte, denn nur hier werden ausführlich und detailliert verschiedene Stellungen bei der sexuellen Vereinigung beschrieben. Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem, dass (nur im Original) durchaus auch homosexuelle Praktiken Erwähnung finden, diese den heterosexuellen jedoch eindeutig untergeordnet sind.

Aufgeteilt in zehn Kapitel beinhaltet der zweite Teil jedoch auch die Stimulation von Verlangen, verschiedene Arten des Umarmens, Küssens und Liebkosens, Biß- und Kratzspuren sowie Techniken des Schlagens, sexuelle Annäherungen der Frau, die dabei die Rolle des Mannes übernimmt, Verhaltensweisen des Mannes, Oralverkehr und Beginn und Ende des Geschlechtsaktes.

Teil 3: Eine Frau an sich binden

Der dritte Teil des Buches erzählt in fünf Kapiteln davon, welche Verfahren bei der Brautwahl bestehen, wie das Vertrauen der Auserwählten zu erlangen ist, auf welche Art der Mann eine Frau für sich gewinnen kann und wie er der Einzige für sie wird. Das letzte Kapitel beschreibt schließlich die Hochzeitsfeier.

Teil 4: Pflichten und Privilegien der Ehefrau

Der recht kurze vierte Teil des Kamasutras, der sich aus lediglich zwei Kapiteln zusammensetzt, befasst sich ausschließlich mit den Pflichten und Privilegien der ersten Ehefrau eines Mannes. Dazu zählen das Verhalten einer treuen Ehefrau sowie das Benehmen der Hauptfrau gegenüber den Nebenfrauen.

Teil 5: Die Frauen anderer Männer

Das Verhalten von Mann und Frau beschreibt Vātsyāyana in sechs Kapiteln im fünften Abschnitt des Kamasutras. Sie beinhalten das Bekanntwerden, die Erkundung der Neigungen einer Frau, die Aufgaben einer Liebesbotin sowie das Vergnügen des Königs, das Benehmen im Harem und der Schutz der eigenen Frau.

Teil 6: Über Kurtisanen

Unterteilt in ebenfalls sechs Kapitel erteilt Teil 6 den Frauen eine Anleitung, sich Vorteile gegenüber Männern zu verschaffen. Dabei geht es zunächst um die Gewinnung eines geeigneten Mannes, die Hingabe zum Liebhaber, Methoden, Geld dadurch zu erlangen sowie um das Auffrischen einer Beziehung zu einem ehemaligen Liebhaber. Desweiteren behandelt dieser Abschnitt gelegentliche Gewinne, Gewinn und Verlust sowie Typen von Prostituierten.

Teil 7: Okkulte Praktiken

Im letzten Teil schließlich erzählen zwei Kapitel von der Verbesserung der körperlichen Attraktivität und dem Entfachen sexueller Energie. Die Anwendung von Aphrodisiaka, Wege zur Penisvergrößerung und diverse Rezepte werden zu diesem Zweck ausführlich erläutert.

Kamasutra und Bilder

Heutzutage wird das Kamasutra fälschlicherweise vor allem mit den bunten und interessanten Illustrationen in Verbindung gebracht, die als typisches Merkmal des Buches gelten. Im Originaltext Vātsyāyanas dagegen finden sich keinerlei Bildmaterialien, sondern ausschließlich Sanskrit-Verse, die sich allerdings auch in verschiedensten Übersetzungen nicht sehr gut verkaufen ließen. Aus diesem Grunde fügten die Verleger dem Kamasutra im Verlauf der Zeit immer mehr erotische Zeichnungen bei, so dass es wesentlich anziehender auf seine Leser wirkte. Letztendlich führte dies zu einem ungleichen Verhältnis zwischen Illustrationen und Text, welches den eigentlichen Textanteil auf reine Bildunterschriften reduzierte.

Quellen:

Sexstellungen-Lexikon.de
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